Während sechs Jahrzehnten prägte der NZZ-Feuilletonchef und Literaturprofessor Werner Weber (1919–2005) die Literatur seiner Zeit. Die von ihm hinterlassene Korrespondenz lässt ein Stück Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts wieder aufleben.
«Aus der Fülle von Webers Korrespondenz hat der ehemalige Leiter des Schweizerischen Literaturarchivs, Thomas Feitknecht, eine ebenso kluge wie sorgfältige Auswahl getroffen. Sie schlägt den Bogen vom schüchternen Schreiben des Zwanzigjährigen an Hermann Hesse, findet einen Höhepunkt in den Briefen von und an Nelly Sachs und endet in der späten Versöhnung mit Otto Steiger. Dazwischen sind von Thomas Mann bis Elias Canetti, von Max Rychner bis Reich-Ranicki, von Silja Walter bis Gertrud Leutenegger alle vertreten, die in den letzten 6o Jahren literarisch etwas zu sagen hatten. Mit Bedacht angeordnet und gewissenhaft kommentiert, gewähren die rund 300 Briefe nicht nur spannende Einblicke in die schweizerische Literaturszene nach 1945, sondern geben auch Aufschluss über Webers Auffassung vom Beruf des Kritikers sowie seine Einschätzung der zeitgenössischen Literatur im deutschsprachigen Raum.» Tages-Anzeiger
In Dankbriefen von Autoren an Literaturchefs großer Zeitungen wird nicht immer ganz ehrlich, oft eher berechnend gesprochen: Man möchte das Wohlwollen des Herrn über die Kritik nicht aufs Spiel setzen. Im Oktober 1954 dankt Thomas Mann im Brief an Werner Weber, den Leiter des Feuilletons in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) seit 1951, mit „Ergriffenheit“ für die „tiefe Betrachtung“, die Weber dem Krull-Roman gewidmet habe. Die Tagebucheintragung von Thomas Mann klingt nüchterner: „Etwas nebelhaft, aber liebevoll.“
Hermann Hesse, dem Weber als Zwanzigjähriger trotz seiner Furcht, an der „heiligen Kunst“ zu freveln, seine frühen Gedichte geschickt hat, rät ihm, der Dichtung treu zu bleiben. Als Weber kein Verständnis für Hesses Unterzeichnung des Friedensappells vom Ost-Berliner Weltjugendtag zeigt, zieht Hesse ohne Aggressivität eine Grenze: „Ich lebe und denke von einer anderen Mitte her als Sie.“ Und um eine Trennlinie redet auch Marcel Reich-Ranicki in seinem Dankbrief aus dem Sommer 1964 nicht herum: „Sie machen aus der Kritik der Literatur eine Kunst.“ - „Ich suche in der Kunst die Kritik des Lebens.“
Zuflucht in der „reinen“ Kunst
Werner Weber war als Kritiker und Feuilletonchef der NZZ eine Institution. Der jetzt von Thomas Feitknecht, dem langjährigen Leiter des Schweizerischen Literaturarchivs, herausgegebene Briefwechsel aus sechs Jahrzehnten registriert die literarischen Bewegungen dieser Zeit und die Reaktionen schweizerischer Literaturkritik auf sie - auch dort, wo sie sich ausschweigt. So bilden unter den Briefpartnern, abgesehen etwa von Walter Höllerer oder Alfred Andersch, Autoren der in Westdeutschland tonangebenden „Gruppe 47“ eine vielsagende Minderheit. Weber beobachtete mit verständlicher Vorliebe die schweizerische Gegenwartsliteratur. Grundsätzlich hielt er zunächst nicht sehr viel von „Inneren Monolog-Zeitfreiheit-Zeitraumverquickungs-Montagen“.
Die Maßstäbe, die Weber an die Literatur legte, sind in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auch in der Bundesrepublik von einem großen Teil der Leserschaft und der Germanisten bejaht worden. Die vom Krieg gebeutelten Deutschen suchten wieder Zuflucht in der „reinen“ Kunst. Die Klassiker Hölderlin, Mörike und Rilke waren wieder Fixsterne. Zwar spottete Weber über Rilkes „Heimsuchungen von erspintisierten Grafen“, aber seine am Bewährten und Bewahrenden orientierte Literaturkritik wäre ohne die geistige Nähe zum verehrten Freund Emil Staiger, dem Zürcher Literaturwissenschaftler und Erzieher ganzer Generationen von Germanistikstudenten, wohl kaum denkbar.
Literaturkritische Reflexionen in 356 Briefen
Der Briefwechsel, der in Webers Todesjahr 2005 endet, umfasst 356 Briefe. Er zeigt den Zürcher Grandseigneur der Literaturkritik in immer interessantem geistigem Austausch mit Schriftstellern, Verlegern, Kollegen und Freunden. In den Briefen sammelt sich ein vielfältiges, unmittelbares und lebendiges Echo auf das literarische Leben eines halben Jahrhunderts mit seinen ernsten und seinen eitlen Streitigkeiten und den Aufbrüchen zu neuen Ufern, mit seinen Dissonanzen und den Stimmen freundschaftlicher Übereinstimmung, mit seinen Kränkungen und Ränken und seinen schöpferischen Reibungen, mit dem Wandel literarischer Wertungen. Ein willkommenes Kompendium zur Literaturkritik, vornehmlich aus der Optik der deutschsprachigen Schweiz.
Weber pflegte eine umfangreiche Korrespondenz. Eine Auswahl von rund 300 Briefen hat der langjährige Leiter des Schweizerischen Literaturarchivs, Thomas Feitknecht, nun publiziert und informativ kommentiert. Damit wird im Zeitalter von E-Mail und SMS auch Briefkultur dokumentiert. Fokussiert ist die Auswahl – das liegt nahe – auf die Auseinandersetzung mit Autoren und Werken. Zur Sprache kommt auch das Metier des Kritikers. Briefpartner sind neben vielen andern Hermann Hesse, Thomas Mann, J. R. von Salis, Carl Jakob Burckhardt, Marcel Reich Ranicki und – in einem eigenen Kapitel – Paul Celan und Nelly Sachs.
Weber war also ebenso sehr Literaturkritiker wie Förderer junger Talente; vor allem letzteres wird in dem Briefband gut dokumentiert. Beides machte er mit Sensibilität.
Wenn der Briefwechsel eines Literaturkritikers herausgegeben wird, kann man sich zunächst einmal fragen, wen dies überhaupt interessiert. Im Fall des Briefwechsels von Werner Weber (1919-2005) fällt die Antwort leicht. Die 314 von Werner Weber geschriebenen oder an ihn adressierten Briefe bieten all jenen reiches Anschauungsmaterial, die sich mit der Schweizer Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigen. Den sie gewähren einen Blick hinter die Kulissen des Betriebs, und zwar zu einer Zeit, in der die "Neue Zürcher Zeitung" das wichtigste Medium des intellektuellen Bildungsbürgertums war. Wollte ein Autor wahrgenommen werden, so konnte ihm nichts Besseres passieren, als von "Wb", wie Webers Kürzel lautete, besprochen oder gar in der "NZZ" abgedruckt zu werden, wo er von 1946 bis 1973 als Feuilletonredaktor arbeitete, von 1951 an als Ressortchef. Umsichtig und mit grosser Sorgfalt hat der Herausgeber des reich bebilderten Bandes, Thomas Feitknecht, die im allgemeinen chronologisch angeordneten und mit den nötigen historischen Kommentaren versehenen Briefe so gruppiert, dass Zusammenhänge, aber auch aussagekräftige Kontraste sichtbar werden.
"Mochte Werner Weber auch das hohe Lied der klassischen, schönen, beseeligenden Literatur gesungen haben, besass Weber zugleich ein feines Gehör für neue Töne und Formen - als Kritiker, wie später als Professor und Lehrer. Alle Facetten sind im vorliegenden Briefwechsel enthalten und erneuern die Erinnerung an eine literarische Stimme von grosser Wärme und von grossem Gewicht."
"Dass im Brief ein dialogisches Elemet steckt, das Machtvoll ausstrahlen kann, möchte man auch in Zeiten von E-Mail und Handy gerne zu spüren bekommen. Ein Wunsch, der in der Edition der Briefe von Werner Weber auf eine bewundernswerte Art erfüllt wird. Habe ich darum das Buch in einem Zug gelesen, tief über Mitternacht hinaus, gespannt, vorwärtsdrängend und also zunächst zu schnell? Dass diese Form der Lektüre überhaupt möglich ist, verdankt man vor allem dem Herausgeber, Thomas Feitknecht, dem langjährigen Leiter des Schweizerischen Literaturarchivs, der ein eigentlich nicht zu bewältigendes Material in eine bestechende Ordnung brachte, ohne es zu popularisieren oder auch nur zu vereinfachen."
Die von ihm hinterlassene Korrespondenz gibt vielfältige Einblicke in die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts. Weber war ein verständisvoller Förderer junger Autorinnen und Autoren, verkehrte aber auch mit berühmten Autoren wie Thomas Mann und Hermann Hesse.
Thomas Feitknecht hat die Briefe mit Sorgfalt ausgewählt und mit informativen Anmerkungen versehen.
Wer gern Briefe liest, wer sich für einen begabten und interessanten Briefschreiber erwärmen kann, dem und der sei das Buch empfohlen.